MBPA

Ein wenig Geschichte der Persönlichkeitspsychologie

Die typologische Erfassung der Persönlichkeit versucht, eine Person schwerpunktmässig einem speziellen Typus zuzuordnen, wie beispielsweise die alte Säftelehre die Menschen fünf Grundtypen zuordnete (snaguinisch, phlegmatisch usw.). Es sind auch heute noch Testverfahren zur Persönlichkeitsbeurteilung in Gebrauch, die der einen oder anderen veralteten Typenlehre (“Denktyp”, “Fühltyp” usw.) anhängen.

Unter “Menschentypen” werden hier die klassischen in der Körperstruktur fundierten “Charaktertypen” nach Alexander Lowen aufgeführt. Statt jemanden durch Zuordnung in eine Typen - Schablone zu pressen, werden typologische Schwerpunkte der Persönlichkeit allerdings in der MBPA Mehrdimensionalen Bioenergetischen Persönlichkeits-Analyse als Persönlichkeitsdimensionen angesehen. Diese hängen mit bestimmten Entwicklungsphasen zusammen, die jeder Mensch durchläuft. Mit der MBPA ist es möglich, diese relativ überdauernden Persönlichkeitsmuster als auch ihre kurzfristigen phasenweisen Schwankungen annähernd zu erfassen. Die persönlichen Ausprägungen dieser Dimensionen spiegeln die jeweils erzielten individuellen Lösungswege der Aufgaben und Probleme wider, denen wir in wichtigen Phasen des Lebens ausgesetzt waren.

MBPA-Entsprechungen der Körpertypen A. Lowen’s

Isolation, Sensibilität

versus

scheinbare/: Integration, Realismus

Abhängigkeit, Unselbständigkeit

versus

scheinbare: Unabhängigkeit, Selbständigkeit

Machtlosigkeit, Hilflosigkeit

versus

Dominanz, Macht, Manipulation

Inferiorität, Unbeweglichkeit, Zähigkeit, Konventionalität

versus

Geltungsdrang, Beweglichkeit

Konformität, Nachgiebigkeit

versus

Rigidität, Antagonismus, Reaktivität

Alpha-Hemmung, Toleranz

versus

Alpha-Rolle, Erregbarkeit, Ungeduld

Emotionale Reserviertheit, Nüchternheit

versus

Emotionale Dramatik, Aufgeregtheit, Schauspiel

Dieser der heutigen Forschung entsprechende dimensionale Ansatz geht davon aus, dass jeder Persönlichkeitszug (“Dimension”) - zum Beispiel die Big-Five-Dimension “Gewissenhaftigkeit” - von Mensch zu Mensch einen anderen (persönlichkeitsspezifischen) Ausprägungsgrad, eine bestimmte Stärke besitzt. Man kann die Stärke der Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen, die generell verbreitet sind (wie die “BIG FIVE”) mit Fragebögen einigermaßen genau erfassen und erhält so ein PROFIL der Persönlichkeitsstruktur.

 

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Psyche, Körpersprache, Körperausdruck

Alexander Lowen’s Formulierungen bioenergetischer Typen der Körperstruktur sind der Schlüssel für das Verständnis der Persönlichkeitsentwicklung und Matrix für das Verstehen und die Interventionen bioenergetisch ausgerichteter Trainer. Sie ermöglichen eine energetische Sichtweise seelischen Geschehens im Körper mit Energieflüssen oder Blockaden in bestimmten „Segmenten“ des Körpers und gestatten es, den Körper als Schauplatz seelischen Geschehens zu betrachten und zu behandeln, sie beschreiben typbedingte Fähigkeitsschwerpunkte als auch die “blinden Flecken”, die Ursachen  problematischer Verhaltensweisen in der Umweltbeziehung.

Es erstaunt, daß im bioenergetischen Lager bisher wenig unternommen wurde, dieses grundlegende typologische Modell auf Querverbindungen zur Persönlichkeitspsychologie und Übereinstimmungen mit deren Persönlichkeitsmodellen zu untersuchen und sich von dort eventuell Bestätigung oder Anregung zur Auseinandersetzung zu holen. Beide Disziplinen scheinen bisher nur wenig Notiz voneinander genommen zu haben.

Die „Big Five“

Eysenck102Persönlichkeitspsychologie war schon immer darauf aus, diejenigen „grundlegenden Dimensionen“ der Persönlichkeit herauszufinden und zu messen, die ausreichen sollten, die individuellen Unterschiede von Personen möglichst vollständig zu erklären. Da war zum einen das Konzept zweier hauptsächlicher Persönlichkeitsdimensionen, das sich in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts entwickelte. Es begann mit zwei von Cyril Burt (1927) gefundenen hauptsächlichen Temperament-Faktoren, die man heute als Neurotizismus und Extraversion bezeichnen würde. Diese Linie wurde vor allem von dem englischen Forscher Eysenck (1960) konsequent weiterentwickelt, der diesen beiden nach 1970 noch die Dimension Psychotizismus hinzufügte. Eysenck behauptete, daß lediglich diesen drei Faktoren aufgrund ihrer Fundierung in Mechanismen des Verhaltenslernens und in Hirnfunktionen genügend Zuverlässigkeit und allgemeine Bedeutung zugesprochen werden könnte.

Zum anderen begann mit der Entwicklung multivariater statistischer Verfahren eine weitere Entdeckungsreise ins Reich der Persönlichkeit, insbesondere, nachdem zunehmend elektronische Rechner den außergewöhnlich hohen Rechenaufwand übernehmen konnten. Hier war es vor allem Cattell, der den lexikalischen Ansatz begründete. Dieser war eine Weiterentwicklung der Sedimentationshypothese von Ludwig Klages, die davon ausgeht, daß alle Aspekte persönlicher Unterschiede, die irgendwie bedeutsam, interessant oder nützlich sind oder waren, ihren Eingang in die Sprache gefunden haben. Mit der Wichtigkeit einer solchen individuellen Differenz zwischen Personen stieg auch die Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie ein gesondertes Wort hervorbrachte. Folglich sollte die Sammlung der Begriffe eines Sprachraumes, mit denen individuelle Unterschiede beschrieben werden können, den Bereich der relevanten individuellen Differenzen abdecken. Von dieser Annahme aus entwickelte sich der psycho-lexikalische Ansatz.

Die mathematischen Möglichkeiten, Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten zwischen den Ausprägungen verschiedener Merkmale - z.B. Persönlichkeitszüge - ihrer Richtung und Stärke nach relativ genau zu bestimmen, entwickelten sich in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts rasch weiter. Die Faktorenanalyse ermöglichte zudem bei mehr als zwei und einer noch größeren Anzahl von Merkmalen („Variablen“), zwischen denen ein schwer entwirrbares Wechselspiel von stärkeren und schwächeren Zusammenhängen - „Korrelationen“ - besteht, mithilfe mathematischer Prozeduren die Unterschiede einer Menge von miteinander korrelierenden Variablen auf das Zusammenwirken einiger weniger - möglichst unabhängiger - Faktoren zu reduzieren.

Allport und Odbert erstellten 1936 eine Liste von 18.000 Adjektiven aus Webster’s New International Dictionary. Aus dieser Liste wurden diejenigen Adjektive gefiltert, die sich zur Beschreibung stabiler und konsistenter individueller Persönlichkeitszüge eigneten. Sie kamen auf 4.504 Begriffe. Cattell reduzierte diese Liste nun mithilfe statistischer Verfahren auf 171 Gegensatzpaare. Mithilfe aufwendiger korrelationsstatistischer und faktorenanalytischer Verfahren kam er auf sechzehn seiner Meinung nach unabhängige grundlegende Persönlichkeitsfaktoren. Der von ihm entwickelte Fragebogen, der berühmt gewordene „16PF“ (16 personality factors), diente dazu, diese messtechnisch zu erfassen. Wenig später entdeckte man, daß auch diese 16 Faktoren noch miteinander korrelierten. Das bedeutete, daß es möglich sein mußte, ihre Anzahl noch weiter zu reduzieren.

Wo steht die persönlichkeitspsychologische Forschung heute ?

costa202Die amerikanischen Forscher Paul Costa und Robert McCrae konnten in den achtziger Jahren als erste überzeugend nachweisen, daß es - unabhängig von den untersuchten Probandenstichproben, von den Beobachtern, von den Fragebogeninstrumenten, von den Methoden der Faktorenanalyse und vom Kulturraum - fünf robuste Faktoren (plus Intelligenz) als stabile Grunddimensionen der Persönlichkeit gibt, mit McCrae02denen erfaßbare Differenzen zwischen Individuen hinreichend erklärt werden können. Diese fünf Faktoren können dabei sowohl in Adjektivlisten identifiziert werden, als auch in multidimensional aufgebauten Persönlichkeitsfragebögen. Sie fanden sich gleichermaßen in Selbst- wie in Fremdbeschreibungen von Personen durch Bekannte und Familienangehörige. Diskussionen werden derzeit noch geführt um die endgültige Namengebung und exakte begriffliche Identifikation, da je nach Perspektive unterschiedliche Etikettierungen möglich sind.

Die fünf Faktoren sind:
                

Die “Big Five” (MBPA-Version)

Emotionalität

Emotionale Labilität

versus

emotionale Stabilität

Extraversion

extravertiert

versus

introvertiert

Geltungsdrang

(Offenheit für Erfahrung)

Geltungsdrang, Beweglichkeit

versus

Unbeweglichkeit, Konservatismus, Zähigkeit, Beharrlichkeit

Verträglichkeit

Konformismus

versus

Antagonismus, Rigidität, Reaktivität

Gewissenhaftigkeit

Gewissenhaftigkeit

versus

Nachlässigkeit, Unzuverlässigkeit

In Bereichen wie der Erforschung politischer Einstellungen - z.B. van Hiel und Mervielde (1996) -, in der Streßforschung - z. B. Klis und Kossewska (1996), Slane und Kim (1996), Amelang (1996), Fehr (2003) -, im Schul- und Erziehungsbereich sowie im Management findet das fünf-Faktoren-Modell zunehmende Anwendung.

Für bioenergetisch orientierte Trainer und Coachs stellt sich die Frage, ob für die bioenergetische Typologie irgendwelche Bezüge zu diesen persönlichkeitspsychologischen Grunddimensionen hergestellt werden können. Denn wenn dies nicht der Fall ist, würde sich hinsichtlich der Begründbarkeit der Charaktertypen ein gewisser Erklärungsnotstand ergeben jenseits eines Konstruktes, auf das sich eine Gruppe von Trainer intern geeinigt hat und das keinerlei Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit oder Relevanz erhebt.

Dimensional oder kategorial ?

Die Entwicklung der Konstrukte tiefenpsychologisch begründeter Charaktertypologien und die Erforschung der grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen in der Persönlichkeitspsychologie erfolgte daher bis heute auf relativ getrennten Wegen. Während es ein Anliegen der persönlichkeitspsychologischen Forschung ist, grundlegende und allgemein verbindliche Persönlichkeitsdimensionen zu finden und zu beschreiben, ist die Erfassung von Charakterstrukturen in der Psychologie traditionell seit FREUD phänomenologisch ausgerichtet. Schwerpunktmäßig überwiegen daher in der persönlichkeitstheoretischen Forschung multifaktoriell ausgerichtete statistische Verfahren, die auf an mehr oder minder großen Stichproben gewonnenen Daten angewendet werden, wohingegen im therapeutischen Bereich in der Regel begrenzte Stichproben, Einzelfallanalysen und phänomenologische Herangehensweise das Feld beherrschen.

Wir wenden den dimensionalen Ansatz auf das Konzept tiefenpsychologisch fundierter Grundtypen, wie sie in den von A. Lowen formulierten Charakterstrukturen (Lowen, 1988) vorliegen, an. Auf diese Weise wollen wir eine Brücke zwischen den Typen der traditionellen Bioenergetischen Analyse  und dem dimensionalen Ansatz der Persönlichkeitspsychologie schlagen. Die von Lowen formulierten Typen stammen aus der tiefenpsychologischen Tradition S. Freuds via W. Reich, jeder dieser Begriffe steht im entwicklungspsychologischen Kontext einer spezifischen Reifungsphase der Kindheit.